Überall liest man es: Wer gibt, bekommt hundertfach zurück – nicht zwangsläufig als Geld, sondern auf irgendeine Art und Weise. Klingt schön, aber wenn du gerade versuchst, dein Geld zu vermehren und möglichst viel davon für dich arbeiten zu lassen, fühlt sich „einfach mehr geben“ erstmal wie das Gegenteil von cleverem Vermögensaufbau an. Genau diesen Widerspruch wollte ich mir mal genauer anschauen.
Meine Trinkgeld-Geschichte
Auswärts essen zu gehen, ist mit Abstand meine größte variable Ausgabe nach Lebensmitteln – ich liebe es einfach. Als Kind waren wir vielleicht einmal im Jahr im Restaurant, aber das hat mich nicht so geprägt, dass ich mich heute arm fühle, wenn ich nicht essen gehe. Es fühlt sich für mich einfach immer wie ein kleines Fest an.
Neulich war ich mit einem guten Freund essen, wir haben viel über Finanzen und Money-Mindset gesprochen. Wir hatten vorher abgemacht, dass ich diesmal zahle. Als die Rechnung kam – 41,80 Euro – hatte ich nur wenige Sekunden, um im Kopf das Trinkgeld zu überschlagen, mitten im Gespräch, während ich schon halb auf dem Sprung war, um mein Kind abzuholen. Ich habe „43 Euro“ gesagt. Das war, wie ich später gemerkt habe, nur etwa 5 % Trinkgeld – deutlich weniger, als ich eigentlich geben wollte, obwohl der Service richtig gut war.
Ich habe mich seitdem regelrecht schlecht gefühlt deswegen. Und genau dieser Moment hat mir bewusst gemacht: Wie fühle ich mich eigentlich, wenn ich großzügig Trinkgeld gebe – und wie fühle ich mich, wenn ich merke, dass ich zu wenig gegeben habe? Der Unterschied war überraschend deutlich.
Was in Deutschland als Trinkgeld üblich ist
Zur Einordnung: In Deutschland gelten 5 bis 10 % des Rechnungsbetrags als üblicher Richtwert, bei besonders gutem Service auch bis zu 15 %. Bei sehr hohen, dreistelligen Rechnungen reichen oft schon 5 %. Mein persönliches Ziel ist es, mindestens 10 % zu geben, wenn der Service stimmt – bei meiner Beispielrechnung wären das etwa 4,20 Euro gewesen, ich bin mit dem, was ich gegeben habe, klar darunter geblieben.
Geben ist nicht gleich Geben
Wichtig ist mir hier eine klare Unterscheidung, damit dieser Artikel nicht meinem eigenen Artikel zu Vermögenswerten und Verbindlichkeiten widerspricht (→ „Vermögenswerte oder Verbindlichkeiten?“): Es geht hier nicht darum, einfach mehr Geld für Konsum auszugeben. Würde ich ständig und grenzenlos essen gehen, würde mir das nicht helfen, schneller finanziell frei zu werden – das wäre schlicht eine hohe variable Ausgabe, keine Form von „Geben“.
Was ich meine, ist bedingungsloses Geben: Trinkgeld für guten Service, eine Spende, oder wenn ich zur Hochzeit einer Freundin bewusst eine deutlich höhere Summe schenke, als eigentlich üblich wäre. Das ist ein Geldfluss ohne direkte Gegenleistung – kein Kauf, keine Investition im klassischen Sinne, sondern eine bewusste Geste.
Warum das trotzdem etwas mit Vermögensaufbau zu tun haben könnte
Rein mathematisch klingt es unsinnig, dass man mehr Geld hat, wenn man mehr davon weggibt. Trotzdem beschreiben sehr viele Finanz-Vorbilder genau das als wichtigen Baustein ihres eigenen Erfolgs. Meine Interpretation dazu, in zwei Teilen:
Erstens: Wenn du jemandem bedingungslos etwas gibst, entsteht bei der beschenkten Person oft das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen – vielleicht nicht sofort, vielleicht auf einem ganz anderen Weg, aber die positive Geste kommt selten komplett ohne Echo. Ob man das „Anziehungskraft“ nennen möchte oder einfach zwischenmenschliche Reziprozität, ist am Ende Geschmackssache.
Zweitens, und das finde ich noch überzeugender: Wenn du aus einem Mangelgefühl heraus denkst – „Ich darf hier nur wenig geben, das Geld reicht sonst nicht“ –, dann trainierst du dein Gehirn genau auf dieses Mangeldenken (→ dazu passt auch mein Artikel „Warum du immer wieder knapp bei Kasse bist“). Gibst du dagegen bewusst und großzügig, sendest du dir selbst die Botschaft: Ich kann geben, weil ich genug habe. Das ist für mich der eigentliche Kern – nicht Magie, sondern eine bewusste Trainingsübung für ein Mindset der Fülle statt des Mangels.
Meine Selbstverpflichtung
Ab sofort werde ich, wenn Service, Essen und Atmosphäre stimmen, bewusst eine ungewöhnlich großzügige Summe als Trinkgeld geben – deutlich über das übliche Minimum hinaus. Ich bin gespannt, was daraus wird: Ob sich dadurch tatsächlich neue, aktuell noch unvorstellbare Möglichkeiten ergeben, mein Geld zu vermehren, ob ich einfach entspannter im Umgang mit Geld werde, oder ob ich am Ende schlicht feststelle, dass meine variablen Kosten dadurch spürbar steigen. Ich werde in einem späteren Artikel ehrlich berichten, was sich verändert hat.
- Der Unterschied zwischen Konsum und bewusstem Vermögensaufbau → „Vermögenswerte oder Verbindlichkeiten?“
- Wie mein Gehirn mich immer wieder zurück zu vertrauten Geldmustern zieht → „Warum du immer wieder knapp bei Kasse bist“
Wichtiger Hinweis
Ich bin keine Finanz- oder Anlageberaterin. Dieser Artikel beschreibt ausschließlich meine persönliche Erfahrung und Einschätzung, keine Anlageempfehlung.
