Ein Vorwort, bevor ich loslege: Dieses Thema ist umstritten – im Internet, aber auch in meiner eigenen Familie. Ich bin keine Immobilienexpertin, aber ich habe eine sehr klare, gut begründete Meinung dazu. Das hier ist explizit meine persönliche Sichtweise, keine allgemeingültige Wahrheit. Wenn du dich unbedingt nach einem Eigenheim sehnst, will ich dir das nicht ausreden – ich möchte dir nur helfen, die Entscheidung mit vollständigen, ehrlichen Zahlen zu treffen, statt mit einer schöngerechneten Milchmädchenrechnung.
„Was machst du mit deinem Geld?“
Als ich nach Deutschland gezogen bin, hat mein Vater irgendwann gefragt: Du bist jetzt so weit weg von der Familie – aber was hast du eigentlich davon? Kein Auto gekauft, keine Wohnung gekauft. Was machst du mit dem ganzen Geld, das du hier mehr verdienst als zu Hause?
Ich war selbst überrascht, wie wenig es für ihn zählte, dass mein Geld sich zu diesem Zeitpunkt schon sehr gut an der Börse vermehrt hatte. Für ihn war das kein „Ergebnis“ – ein Ergebnis musste man kaufen und anfassen können. Genau dieses traditionelle Denken – Eigenheim als ultimatives Lebensziel – ist mir in Ungarn ebenso vertraut wie hier in Deutschland, wo sich viele Menschen, gerade in München, ein eigenes Haus wünschen, es sich aber realistisch kaum leisten können.
Warum die klassische Milchmädchenrechnung nicht aufgeht
Das häufigste Argument fürs Kaufen: „Miete ist doch nur weggeworfenes Geld, da zahle ich lieber Zinsen fürs eigene Eigentum.“ Klingt logisch, ist aber keine 1:1-Rechnung. Ein Eigenheim verursacht laufend zusätzliche Kosten, die in dieser einfachen Gegenüberstellung meistens fehlen: Instandhaltung, Reparaturen, irgendwann komplette Erneuerungen, wenn etwas seine Lebensdauer erreicht. Bei meinen Eltern erlebe ich das bis heute hautnah mit: Kaum ist das Bad im Erdgeschoss fertig renoviert, geht das Bad im Obergeschoss kaputt. Kaum ist das erledigt, gibt es ein Problem in der Küche. Diese Kosten hören nie wirklich auf – und werden in der „Miete vs. Kredit“-Milchmädchenrechnung gerne unter den Tisch fallen gelassen.
Dazu kommt: Das Geld, das in ein Eigenheim fließt, ist genau wie bei einem Kredit dein zukünftiges Geld (→ „Nicht alle Schulden sind schlecht“). Bei mir fließt dieses zukünftige Geld stattdessen in ein breit gestreutes ETF-Portfolio (→ „Langweilig, aber sicher investieren“) – dort ist es mobil, flexibel, jederzeit verkaufbar, und breit genug gestreut, dass der Ausfall einer einzelnen Firma, Branche oder eines Landes locker von allen anderen aufgefangen wird. Eine einzelne Immobilie kann das nicht: Dein gesamtes Kapital hängt an einem einzigen Objekt, an einem einzigen Ort (→ mehr dazu auch in „Vermögenswerte oder Verbindlichkeiten?“).
Zwei Geschichten, die genau das zeigen
Die Kiesgrube: Wir wohnen am Stadtrand von München, mit kurzem Weg zur U-Bahn in eine Richtung und einem schönen Wald in die andere. Letztes Jahr kam die Meldung, dass genau dieser Wald abgeholzt und eine Kiesgrube angelegt werden könnte – mit Lärm, Staub und dem kompletten Verlust des Waldes, der den Wert der umliegenden Immobilien mit ausmacht. Für uns als Mieter war die Reaktion einfach: Falls nötig, ziehen wir eben um. Für die vielen Eigenheimbesitzer:innen in unserer Nachbarschaft war das eine echte Krise – sie wollten bleiben, weil es ihr Zuhause ist, standen aber vor der Aussicht auf jahrelangen Lärm und einen deutlich gesunkenen Immobilienwert, ohne einfach wegziehen zu können.
Der Wasserschaden: Eine Freundin hatte einen sehr großen Wasserschaden in ihrer Mietwohnung – für sie bedeutete das im schlimmsten Fall: ausziehen. Wäre es ihr Eigentum gewesen, hätte sie stattdessen eine enorme, unerwartete Reparaturrechnung tragen müssen.
Solche Dinge – eine Kiesgrube nebenan, ein Wasserschaden, Naturkatastrophen wie die Waldbrände, mit denen in den USA ganze Regionen regelmäßig kämpfen – lassen sich nicht vorhersehen. Als Mieterin kann ich in so einem Fall relativ unkompliziert umziehen. Als Eigentümerin bin ich an das Objekt gebunden, emotional wie finanziell.
Was ich an der Miete schätze
Wenn bei uns die elektrischen Rollos kaputtgehen, ein Wasserschaden in der Tiefgarage entsteht oder der hochwertige Holzboden einen tiefen Kratzer bekommt – alles Dinge, die schnell mehrere Tausend Euro kosten – trägt das unser Vermieter, nicht wir. Wenn uns etwas an der Wohnung nicht mehr gefällt, müssen wir nicht selbst renovieren, sondern können in eine neue Wohnung ziehen. Genau diese Flexibilität ist mir persönlich mehr wert als das Gefühl, „etwas zu besitzen“.
Natürlich kann auch als Mieterin mal Eigenbedarf angemeldet werden – das ist ein reales Risiko, das ich nicht kleinreden will. Aber auch als Eigentümerin kann jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren, das dich zum Auszug zwingt, wie die Beispiele oben zeigen. Niemand ist vor Überraschungen vollständig sicher – die Frage ist nur, wer am Ende dafür finanziell geradestehen muss.
Was völlig legitim ist – und was nicht
Wenn du dir aus emotionalen Gründen ein Eigenheim wünschst – ein eigenes Zuhause, Wurzeln schlagen, etwas an deine Kinder weitergeben können –, ist das eine völlig legitime, persönliche Entscheidung, die ich niemandem ausreden möchte. Wogegen ich aber wirklich etwas habe: wenn Menschen diese emotionale Entscheidung nachträglich als rein finanziell überlegene Entscheidung verkaufen, indem sie nur Miete gegen Kreditrate rechnen und alle laufenden Zusatzkosten stillschweigend weglassen. Das ist keine ehrliche Rechnung, sondern Schönrederei.
Meine Empfehlung zum Weiterlesen
Wenn du selbst vor dieser Entscheidung stehst und es genau wissen willst: Gerd Kommers Buch „Kaufen oder Mieten? Wie Sie für sich die richtige Entscheidung treffen“ nimmt genau diese Milchmädchenrechnung auseinander (einen frei zugänglichen Vergleich dazu hat er auch in seinem Blog veröffentlicht), mit historischen Renditedaten der letzten Jahrzehnte und einem eigenen Rechentool. Ergänzend dazu gibt es auch passende Videos auf dem YouTube-Kanal von Finanzfluss.
Mein Fazit für mich persönlich
Ich werde vermutlich nie ein Eigenheim besitzen – weil es sich für mich schlicht nicht lohnt, weder finanziell noch von meinem Bedürfnis nach Flexibilität her. Mir gefällt der Gedanke, bei Problemen einfach den Vermieter anzurufen, viel zu gut. Aber das ist meine Entscheidung für mein Leben – wenn dein Herz an einem eigenen Zuhause hängt, sollst du dir das ruhig wünschen. Rechne nur ehrlich nach, bevor du dich entscheidest.
- Warum Immobilien aus meiner Sicht eher Verbindlichkeiten als Vermögenswerte sind → „Vermögenswerte oder Verbindlichkeiten?“
- Wie ich stattdessen mein Geld arbeiten lasse → „Langweilig, aber sicher investieren“
- Warum sich ein Kredit fürs Eigenheim für mich nicht lohnt → „Nicht alle Schulden sind schlecht“
Wichtiger Hinweis
Ich bin keine Finanz- oder Immobilienberaterin. Dieser Artikel beschreibt ausschließlich meine persönliche Meinung und Erfahrung, keine Anlageempfehlung.
NOTIZ FÜR KATALIN – vor Veröffentlichung entfernen
Affiliate-Link fehlt noch: Bei Gerd Kommers Buch „Kaufen oder Mieten?“ könntest du deinen eigenen Partnerlink setzen. Den frei zugänglichen Blogartikel von ihm habe ich bereits verlinkt.
