Ich habe an mehreren Stellen auf diesem Blog schon angedeutet, dass mein Weg nicht gerade verlaufen ist. Hier erzähle ich die ganze Geschichte, chronologisch, mit allem, was dazugehört – auch den Teilen, die wehtun.
Der Neustart in Deutschland (Ende 2012)
Als ich mich am Ende meines Studiums entschieden habe, nach Deutschland zu ziehen, habe ich einen Kassensturz gemacht: Was habe ich, und was wird das Leben in Deutschland kosten? Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung. Meine Unterkunft für die ersten Wochen wurde direkt aus meinem künftigen Gehalt finanziert, ich wusste ungefähr, was ich verdienen würde – aber nicht, wie viel davon nach Steuern übrig bleibt und wie teuer das Leben tatsächlich ist. Ich dachte, ich würde mehr als das brauchen, was ich damals hatte.
Also habe ich angefangen, alles zu verkaufen, was ich besaß. Während meines Studiums hatte ich als Markenbotschafterin für Procter & Gamble gearbeitet – kein Gehalt, aber Sachprämien wie eine elektrische Zahnbürste oder einen sehr hochwertigen Föhn. All das habe ich verkauft und kam damit Ende 2012 auf etwa 40.000 Forint – immer noch sehr wenig. Meine Oma hat mir schließlich umgerechnet knapp 400 Euro geliehen (die ich ihr längst zurückgezahlt habe) – genau das, was ich brauchte, um den ersten Monat zu überbrücken, bis mein erstes Gehalt kam. Denn wenn du neu anfängst zu arbeiten, bekommst du dein erstes Gehalt ja erst nach dem ersten vollen Arbeitsmonat, und selbst dann meist noch mit ein paar Tagen Verzögerung.
McDonald’s, der Fahrradunfall und das nicht ausgezahlte Gehalt (2013)
Mein erster Job in Deutschland war bei McDonald’s in Rheinfelden, Baden-Württemberg. Mit frisch abgeschlossenem BWL-Studium fühlte sich das wie ein ziemlicher Rückschritt an – aber mein Ziel war erstmal, mein Deutsch zu verbessern und überhaupt Fuß zu fassen. (Die Details zu diesem Job – Schichtchaos, unmögliche Arbeitsbedingungen – findest du in „Alle meine Jobs im Aufwand-Geld-Check“.)
Durch ständige Schichtplanänderungen wurden meine freien Tage immer weiter nach hinten geschoben – teilweise musste ich 14 bis 15 Tage am Stück arbeiten. Genau das hat mir zum Verhängnis: Schon drei Monate nach meiner Ankunft in Deutschland hatte ich auf dem Heimweg von der Arbeit einen Fahrradunfall und habe mir die rechte Hand gebrochen – meine dominante Hand. Sie musste zweimal operiert werden, und ich konnte absehbar mindestens zwei Monate lang nicht arbeiten.
Weil der Unfall auf dem direkten Arbeitsweg passiert ist, zählte er als Arbeitsunfall – die medizinischen Kosten wurden dadurch übernommen, was zumindest eine Sorge weniger war. Trotzdem: Ich hatte bis zum 18. des Monats noch gearbeitet und hätte dafür noch rund 400 bis 500 Euro bekommen müssen. Dieses Geld wurde mir nie ausgezahlt – bis heute habe ich es nicht gesehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich etwa 2.000 bis 3.000 Euro zusammengespart, mit denen ich dann nach München gezogen bin (McDonald’s war in Baden-Württemberg). Aber die fehlende letzte Zahlung hat mir wirklich gefehlt. Gerade so kurz nach der Ankunft in einem neuen Land schon so ausgenutzt zu werden, war emotional und finanziell gleichermaßen schmerzhaft – noch dazu mit einer frisch operierten Hand, die es nicht einfacher gemacht hat, schnell einen neuen, ausreichend bezahlten Job zu finden.
Neuanfang in München (2013–2014)
Das war meine zweite Krise: verzweifelt, mit gebrochenem Deutsch, überall Bewerbungen verschickt – und dann das Riesenglück, über eine Vermittlungsfirma einen Job am Fließband einer Pharmafirma zu bekommen, körperlich leicht genug, um ihn selbst mit der noch acht Wochen zuvor operierten Hand zu machen. Dank guter Wochenend- und Nachtzuschläge sowie generell höherer Stundenlöhne in der Pharmaindustrie konnte ich meine Rücklagen wieder aufbauen – bis 2014 auf rund 8.000 Euro.
Umzug, Weiterbildung und der Tiefpunkt: 16 Euro (2014–2015)
2014 kündigte mein Vermieter meine WG-Wohnung – der neue Eigentümer wollte entweder verkaufen oder die Miete stark erhöhen. Ich musste kurzfristig eine neue Wohnung finden – gleichzeitig hatte ich mich für eine selbstfinanzierte Weiterbildung im Marketing angemeldet, dazu noch Sprachkurse, weil mein großes Ziel war, im Marketing zu arbeiten. Viel Geld floss also in mich selbst.
Der Umzug kostete zusätzlich: erste Miete, Kaution, und komplett neue Möbel – ich hatte vorher nur ein möbliertes Zimmer und einen Koffer mit Kleidung. Die neue Einzimmerwohnung in München kostete 500 Euro Miete, deutlich mehr als die 290 bis 320 Euro zuvor. Kurz darauf endete mein Pharma-Job, und ich fand keine Vollzeitstelle mehr, die sich mit meinem Weiterbildungsplan vereinbaren ließ – ich konnte also nur noch reduziert arbeiten, bei gleichzeitig höheren Kosten.
Meine Ersparnisse schmolzen dahin. Egal wie sehr ich sparte, es wurde immer weniger. Im Frühjahr 2015 erreichte ich meinen absoluten Tiefpunkt: 16 Euro Gesamtvermögen – Girokonto und Bargeld zusammengerechnet. Das war kein Dauerzustand, sondern ein einzelner Moment, wenige Tage vor der nächsten Gehaltszahlung – aber ohne Aussicht auf mehr Einkommen fühlte sich das in diesem Moment sehr bedrohlich an.
Arbeitslosengeld II als Brücke – und die Disziplin danach
Eine Freundin, der ich von meiner Situation erzählt habe, hat mich auf Arbeitslosengeld II aufmerksam gemacht. Mein erster Gedanke: Das ist doch für Arbeitslose, ich arbeite doch. Sie erklärte mir, dass es genau für Menschen gedacht ist, die zu wenig verdienen – sogenannte Aufstocker. Die Einkommensgrenze für eine Einzelperson in München lag damals bei knapp 1.000 Euro. Weil meine Miete zusätzlich über dem zulässigen Anteil meines Einkommens lag, wurde mein Gehalt nicht nur auf 1.000, sondern auf 1.200 Euro aufgestockt.
Das Wichtigste dabei: Ich habe mich bewusst nicht sofort an das höhere verfügbare Geld gewöhnt. Ich wusste, dass die Leistung monatlich neu geprüft wird – ich musste jeden Monat meine Lohnabrechnung einreichen, weil mein Einkommen je nach Stundenzahl schwankte. Statt mehr auszugeben, habe ich weiter diszipliniert gespart und konnte dadurch sogar kleine Rücklagen aufbauen, statt nur meine laufenden Kosten zu decken.
Der Weg zum Trainee-Jahr – und ein weiterer Einbruch (2015–2017)
Nach vier bis fünf Monaten war meine Weiterbildung abgeschlossen, und ich konnte wieder Vollzeit arbeiten – am Flughafen, in einer verantwortungsvollen, gut bezahlten Position. Genau dieses Gehalt war die Vorbereitung auf mein eigentliches Ziel: ein Jahr als Trainee bei einer großen Marketingagentur zu arbeiten, was bekanntlich sehr wenig zahlt. Ich sparte 5.000 bis 7.000 Euro an, um mein Trainee-Gehalt während dieses Jahres selbst aufstocken zu können – dieses Mal ohne Arbeitslosengeld II. Am Ende des Trainee-Jahres war mein Gesamtvermögen auf nur noch 3.000 Euro geschrumpft. Aber anders als bei den Krisen zuvor war das eine bewusste, geplante Investition in mich selbst – kein unkontrollierter Absturz.
Aufschwung, Madame Moneypenny und der ETF-Start (2018–2021)
Danach ging es kontinuierlich bergauf: Gehaltserhöhungen, der Sprung von Junior zu Senior nach vier Jahren mit 4.000 Euro brutto. So konnte ich meine Rücklagen wieder aufbauen – bis auf 8.000 Euro, als ich Ende 2018, fast genau an meinem Geburtstag, Madame Moneypenny entdeckt habe. Ich habe angefangen, mich zuerst zu bezahlen (→ „Bezahl dich zuerst“) und ab Februar 2019 in ETFs zu investieren. Bis einschließlich 2021 hat sich mein Vermögen jedes Jahr verdoppelt – auf über 30.000 Euro, trotz Coronakrise. In der Kurzarbeit während Corona habe ich meine ETF-Sparraten zwar von mehreren hundert auf 100 bis 200 Euro reduziert, aber nie ganz gestoppt.
Burnout, Kündigung und die Steuerklassen-Falle (2021)
Mental ging es mir in dieser Zeit zunehmend schlechter. Ich habe erst meine Arbeitszeit von fünf auf vier Tage reduziert – das half nicht wirklich. Parallel habe ich angefangen, eine Selbstständigkeit aufzubauen: sehr viel Arbeit ohne Bezahlung, ständig am Rechner, ohne Abwechslung. Das hat mich in eine burnout-ähnliche Situation geschickt. Es ging mir so schlecht, dass ich schließlich meinen Job gekündigt habe – obwohl ich ihn eigentlich sehr gemocht hatte. Direkt danach kam die Existenzangst zurück, potenziert.
Im selben Jahr haben wir geheiratet und uns für die gemeinsame Veranlagung entschieden – ich bin von Steuerklasse 1 auf Steuerklasse 5 gewechselt. Ich habe es aber vergessen, meinem damaligen Arbeitgeber diese Änderung zu melden. Über fünf, sechs Monate hat sich dadurch eine erhebliche Nachzahlung angesammelt – so hoch, dass ich mein letztes Gehalt nicht nur nicht bekommen, sondern sogar noch draufgezahlt habe. Das war im September 2021, und mein erster Gedanke war: Scheiße, schon wieder die McDonald’s-Situation. Warum läuft es bei mir nie einfach?
Aber es war nicht dieselbe Situation. Diesmal hätte ich das Geld bekommen können – ich hatte schlicht selbst vergessen, die Steuerklassenänderung zu melden. Ein eigener Fehler, kein fremdes Ausnutzen. Im Rückblick habe ich erkannt, dass ich mich in diesem Moment – frisch gekündigt, mit einer noch nicht tragfähigen Selbstständigkeit – unbewusst selbst wieder in eine finanzielle Notlage manövriert habe. Die Existenzangst, die ich in dieser Phase ohnehin hatte, habe ich quasi in die Realität projiziert. Im Grunde selbst verschuldet – aber eine wichtige Erkenntnis für mein späteres Verständnis meines eigenen Geld-Mindsets. (Mehr zu diesem Muster in „Warum du immer wieder knapp bei Kasse bist“.)
Der Wiederaufbau als Selbstständige (2022–2023)
Mit meiner Selbstständigkeit ging es danach langsam, aber stetig bergauf. 2023 habe ich als Selbstständige so viel verdient wie zuvor als Angestellte – wobei man als Selbstständige mehr Umsatz braucht, um auf dasselbe Einkommensniveau zu kommen: höhere Kosten für Krankenversicherung, dazu ganz neue Ausgaben wie Software-Tools, die ich als Angestellte nie hatte. Trotzdem konnte ich meine ETF-Sparpläne die ganze Zeit über durchhalten.
Schwangerschaft, Baby und ein erneuter Einbruch (2024)
2024 hatte ich dann wieder deutlich weniger Einnahmen: In der ersten Jahreshälfte kämpfte ich mit Schwangerschaftsübelkeit und starker Müdigkeit und konnte kaum arbeiten. In der zweiten Hälfte war das Baby da, und ich habe eine Phase durchgemacht, die sich für mich wie eine postnatale depressive Verstimmung angefühlt hat. (Falls du selbst gerade mit sowas kämpfst: Sprich bitte mit deiner Hebamme, deiner Frauenärztin oder einer anderen professionellen Anlaufstelle – das ist nichts, was man allein durchstehen muss.)
Finanziell war diese Zeit für mich persönlich weniger dramatisch als frühere Krisen, weil ich durch meinen Mann nicht komplett ohne Sicherheitsnetz war – wir tragen unsere Finanzen gemeinsam. Trotzdem: Zu sehen, wie die eigenen Rücklagen kontinuierlich schrumpfen, fühlt sich nie schön an. Und ich glaube, gerade als Frau möchte man auch heute noch ein Stück finanzielle Eigenständigkeit spüren, unabhängig von der Partnerschaft.
Heute und der Blick nach vorn
Mein Kind ist inzwischen in der Kita, ich kann wieder mehr arbeiten. 2025 habe ich mein altes Einkommensniveau noch nicht wieder erreicht – aber 2026 werde ich mit ziemlicher Sicherheit nicht nur mein Umsatzniveau von 2021 (als Senior Consultant) übertreffen, sondern deutlich darüber hinauswachsen. Auch die Börse läuft dieses Jahr, Stand 1. September 2026, richtig gut – unser Gesamtvermögen hat 2026 bereits einen großen Sprung gemacht.
Was ich daraus mitnehme
Die nächste Krise wird garantiert kommen – das habe ich inzwischen akzeptiert. Aber ich habe mir selbst bewiesen, dass es danach immer irgendwie weitergeht. Ich erinnere mich noch genau an die Nächte, in denen ich vor Geldsorgen aufgewacht bin, mich auf die Couch gesetzt habe, um meinen Mann nicht zu wecken, und eine Stunde lang einfach nur geweint habe, aus purer Angst, wie ich das finanziell schaffen soll. Aber ich habe es immer irgendwie geschafft – und ich glaube, nach jeder überstandenen Krise wird man ein Stück selbstsicherer, dass man es auch das nächste Mal schafft.
Wenn du gerade selbst Angst hast, Geld zu verlieren, oder mitten in einer finanziellen Krise steckst: Es geht immer irgendwie weiter. Das Leben ist erschreckend kreativ darin, uns finanzielle Probleme zu bescheren – aber genauso kreativ darin, uns Wege hindurch zu zeigen. Es geht, mit Rückschlägen, aber unterm Strich, immer wieder bergauf.
Redaktionelle Anmerkung für dich, Katalin: Mir ist aufgefallen, dass du an anderer Stelle (Startseite, „Wie alles angefangen hat“, „Meine Risikobereitschaft“) deinen absoluten Tiefpunkt bisher mit 12 Euro beschrieben hattest, hier aber konsequent 16 Euro nennst. Bitte einmal für dich klären, welche Zahl stimmt, und dann an allen Stellen einheitlich anpassen.
Wichtiger Hinweis
Ich bin keine Finanz- oder Anlageberaterin. Dieser Artikel beschreibt ausschließlich meine persönliche Erfahrung, keine Anlageempfehlung. Falls dich Themen wie Erschöpfung oder psychische Belastung rund um Geld oder Elternschaft gerade selbst betreffen, zögere nicht, dir professionelle Unterstützung zu suchen.
