Ich wollte ursprünglich mit Karrierecoaching selbstständig werden. Es ist gescheitert – ich habe auf Social Media einfach nicht den richtigen Ton gefunden, um schnell genug Reichweite aufzubauen, und wollte gleichzeitig Geld verdienen. Also bin ich zurück zu meinem eigentlichen Beruf gegangen – und habe mich als Selbstständige neu darin verliebt. Genau der richtige Weg für mich. Trotzdem möchte ich hier das teilen, was mich ursprünglich zum Karrierecoaching gebracht hat: Ich war fast immer eine der wenigen Mitarbeiter:innen, die Gehaltserhöhungen tatsächlich rausgehandelt haben.
Warum mir das erst spät aufgefallen ist
Zwischen 2013 und Ende 2016 hatte ich insgesamt neun Jobs – wobei viele davon parallel liefen (Haupt-, Neben- und Minijob gleichzeitig), nicht alle nacheinander. Mein Traumjob als Consultant bei der Agentur war mein zehnter Job innerhalb dieser wenigen Jahre. Weil ich so oft gewechselt habe, kam ich vorher selten überhaupt in die Situation, aktiv nach einer Gehaltserhöhung zu fragen – und ich hatte auch nie das Vertrauensverhältnis zu Kolleg:innen, um zu erfahren, ob andere das überhaupt tun. Erst im Traumjob, wo ich lange genug geblieben bin, ist mir das System klar geworden.
Meine Methode
Im Trainee-Jahr war mein Gehalt fix, der Vertrag befristet. Als Junior danach hatte ich ein verhandeltes Gehalt und einen unbefristeten Vertrag. Ab da habe ich konsequent ein System verfolgt:
1. Erfolge sammeln. Ich habe mir alles notiert, was ich erreicht hatte – abgeschlossene Projekte, positives Kundenfeedback, übernommene Verantwortung.
2. Mit konkreten Argumenten fragen, nicht mit Zeit. Wenn ich nach einer Gehaltserhöhung gefragt habe, war meine Begründung nie „ich bin schon so lange dabei“, sondern immer konkret: „Ich habe X, Y und Z erreicht, und die Kunden sind so und so zufrieden mit meiner Arbeit.“
3. Bei einem Nein nachfragen, was stattdessen nötig ist. Wenn es nicht geklappt hat – wegen Budget, wegen fachlicher Einschätzung meines Chefs, aus welchem Grund auch immer – habe ich nie einfach akzeptiert und geschwiegen. Ich habe stattdessen gefragt: „Okay, was genau muss ich erreichen, damit es beim nächsten Mal klappt?“ Und dann haben wir gemeinsam schriftlich konkrete Ziele festgehalten.
4. Sofort einen konkreten Folgetermin blocken. Direkt im Gespräch, direkt im Kalender – auch wenn der Termin erst in drei oder sechs Monaten liegt (länger als ein Jahr würde ich nicht empfehlen, weil dann zu viel Unsicherheit dazwischenkommt). Der Termin kann später immer noch verschoben werden, aber er steht. „Irgendwann“ passiert erfahrungsgemäß nie.
5. Nach dem Gespräch alles schriftlich festhalten. Direkt danach eine E-Mail: „Wie besprochen, mache ich X, Y, Z. Du machst A, B, C.“ Entweder bekommst du eine schriftliche Bestätigung zurück, oder es passiert gar nichts – und Schweigen gilt in dem Fall als stillschweigende Zustimmung.
Der Beweis, dass es funktioniert: meine Beförderung mitten in der Pandemie
Ende Februar 2020 hat mir mein Vorgesetzter im Gespräch die Beförderung zum Senior zugesagt – wirksam ab dem nächsten Quartal. Ich hatte in diesem Gespräch alle vorher schriftlich festgehaltenen Ziele nachweisen können, sodass er praktisch keine andere Wahl mehr hatte, als zuzustimmen. Direkt nach dem Gespräch habe ich ihm eine E-Mail geschrieben: Danke für das Gespräch, du hast mir die Beförderung und die entsprechende Vertragsänderung zugesagt, du kümmerst dich um HR, und ich mache im Gegenzug folgende nächsten Schritte.
Zwei Wochen später kam die Pandemie. Einstellungsstopp, Beförderungsstopp, Gehaltserhöhungsstopp – sofort und firmenweit. Aber weil alles schriftlich festgehalten war, musste mein Vorgesetzter die Sache bis zur Geschäftsführung eskalieren. Im Juni 2020 wurde ich tatsächlich befördert und bekam meine Gehaltserhöhung – als einzige von über 300 Mitarbeitenden in der Firma, mitten im Corona-Stillstand. Nur, weil es schriftlich dokumentiert war.
Die traurige Kehrseite
Ich hatte eine Kollegin mit einer unglaublichen Arbeitsmoral – wirklich jeder Arbeitgeber hätte um sie kämpfen müssen. Sie hat sich nie getraut, aktiv nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, sondern darauf gewartet, dass ihr Chef von sich aus auf sie zukommt. Nach drei Jahren war sie immer noch beim Einstiegsgehalt. Ich habe mich als Teamlead sogar aktiv bei meinem Vorgesetzten für sie eingesetzt. Seine Antwort: „Ich bevorzuge die, die aktiv danach fragen. Ich habe ein Team von 40 Leuten und ein festes Budget – ich muss priorisieren.“ Sie hat irgendwann gekündigt. Das tut mir bis heute leid, und genau deshalb teile ich das hier – wenn es auch nur einer Person hilft, hat sich der Artikel gelohnt.
Ich sehe dieses Muster übrigens ständig auch im Werdegang anderer, zum Beispiel auf LinkedIn: Menschen bleiben ein, zwei Jahre in einem Job, ärgern sich über die ausbleibende Beförderung oder Gehaltserhöhung, kündigen frustriert, ohne je konkret gefragt zu haben – und starten den ganzen Kreislauf beim nächsten Arbeitgeber wieder von vorn.
Warum das Einstiegsgehalt am meisten zählt
Dein Einstiegsgehalt bestimmt maßgeblich, wo du langfristig landest. Fängst du mit 40.000 Euro an und freust dich, weil es sich schon gut anfühlt, kannst du danach realistisch nur wenige Prozent pro Jahr draufverhandeln. Startest du dagegen von Anfang an mit 50.000 Euro und verhandelst danach jährlich 2 bis 3 % dazu (10 % habe ich einmal geschafft, aber das war eine absolute Ausnahmesituation, die ich nicht jedes Jahr wiederholen konnte), ist der Unterschied über die Jahre erheblich. Genau deshalb ist es so wichtig, sich schon bei der Bewerbung nicht unter Wert zu verkaufen.
Zwei Tipps dazu, wie du realistische Gehälter recherchierst:
- KI-gestützte Recherche ist ein guter Startpunkt, aber die Zahlen, die online kursieren, wirken auf mich fast immer etwas zu hoch im Vergleich zur Realität – nimm sie also eher als grobe Orientierung.
- Direkt fragen. Eine Bewerberin hat mich damals über LinkedIn kontaktiert, weil sie genau meine Rolle bei meiner Agentur übernehmen wollte, und ganz offen nach dem Gehaltsrahmen gefragt. Das war mutig, aber genau dadurch wusste sie, was sie realistisch fordern konnte. Nicht jede:r ist so offen bereit, über Geld zu sprechen – aber ein ehrlicher Versuch, über soziale Netzwerke Kontakt zu Menschen in der Zielposition oder sogar im HR-Team aufzubauen, bringt dich oft überraschend weit.
Meine Empfehlung, wenn du dabei Unterstützung brauchst
Ljubow Strobel von FRAU VERHANDELT macht genau das, was ich ursprünglich selbst machen wollte – nur setzt sie es wirklich konsequent um. Ich verfolge ihre Inhalte seit Jahren und finde, dass sie eine der Besten am Markt ist, gerade wenn es darum geht, Frauen dabei zu unterstützen, sich beim Gehalt nicht unter Wert zu verkaufen. Schau gerne mal vorbei: frauverhandelt.de
Wichtiger Hinweis
Ich bin keine Finanz- oder Anlageberaterin. Dieser Artikel beschreibt ausschließlich meine persönliche Erfahrung, keine rechtliche oder karrierebezogene Beratung.
