Vorweg ein Geständnis: Ich investiere selbst nicht nachhaltig, obwohl mir Nachhaltigkeit im echten Leben sehr wichtig ist. Das mag erstmal widersprüchlich klingen – dazu komme ich weiter unten. Zuerst aber ein sachlicher Überblick, was nachhaltiges Investieren mit ETFs überhaupt bedeutet.
ESG, SRI und Co. – was die Begriffe bedeuten
Die Begriffe werden oft synonym verwendet, meinen aber unterschiedlich strenge Ansätze:
- ESG (Environmental, Social, Governance): ein Bewertungssystem, das Unternehmen nach Umwelt-, Sozial- und Führungskriterien einstuft. „ESG Screened“-ETFs schließen meist nur die problematischsten Fälle aus – Unternehmen, die zum Beispiel mehr als 5 % ihres Umsatzes mit Kohle oder Ölsand erzielen, oder Hersteller kontroverser Waffen.
- SRI (Socially Responsible Investing): deutlich strenger. SRI-ETFs wählen nur die besten rund 25 % eines Index nach Nachhaltigkeitskriterien aus und schließen ganze Branchen komplett aus – etwa fossile Brennstoffe, Tabak, Glücksspiel und Alkohol. Der MSCI World SRI etwa umfasst dadurch nur noch rund 380 bis 400 Unternehmen, statt der rund 1.500 bis 1.600 im klassischen MSCI World.
- Paris-Aligned Benchmark (PAB): der strengste Standard, ausgerichtet auf das 1,5-Grad-Klimaziel, mit vollständigem Verzicht auf fossile Brennstoffe.
Kostet Nachhaltigkeit Rendite? Die Antwort überrascht
Eine weit verbreitete Annahme – die ich selbst bis vor Kurzem auch hatte – ist, dass nachhaltige ETFs automatisch weniger Rendite bringen, weil sie einen kleineren, eingeschränkteren Aktienkorb abbilden. Die Daten zeigen aber ein anderes Bild: Zwischen 2015 und 2024 hat der MSCI World SRI eine sehr ähnliche Performance wie der klassische MSCI World erzielt – in mehreren Jahren sogar leicht besser abgeschnitten. Ein Grund dafür: ESG-Kriterien filtern tendenziell Unternehmen mit schwacher Unternehmensführung heraus, die statistisch häufiger in finanzielle Schwierigkeiten geraten, und fossile Energieunternehmen stehen zunehmend vor regulatorischen Risiken, die sich negativ auf ihre Kurse auswirken können.
Was tatsächlich stimmt: Der SRI-Index ist deutlich weniger diversifiziert – rund 380 statt 1.500 Unternehmen bedeutet ein höheres Konzentrationsrisiko, und die Branchenverteilung weicht spürbar vom breiten Weltmarkt ab (im SRI fehlen zum Beispiel Tech-Schwergewichte wie Apple oder Nvidia komplett, weil sie die Kriterien nicht erfüllen).
Das Greenwashing-Problem
Nicht jeder ETF, der „nachhaltig“ im Namen trägt, hält, was er verspricht. Schwächer gefilterte „ESG Screened“-ETFs können durchaus noch Öl-, Gas- oder Tabakkonzerne enthalten, solange deren Umsatzanteil aus den problematischen Bereichen unter einer bestimmten Schwelle liegt. Kritiker:innen bemängeln außerdem, dass ESG-Bewertungen teils auf selbstberichteten Unternehmensdaten beruhen, was die Aussagekraft einschränkt. Wer wirklich sichergehen will, sollte auf die strengeren SRI- oder PAB-Varianten achten und sich die tatsächliche Zusammensetzung des jeweiligen ETFs genau anschauen, statt sich allein auf den Namen zu verlassen.
Warum ich selbst nicht in nachhaltige ETFs investiere
Als ich 2019 angefangen habe zu investieren, habe ich mich am Weltportfolio-Ansatz von Gerd Kommer orientiert (→ „Langweilig, aber sicher investieren“): 75 % MSCI World, 25 % Emerging Markets, ohne Branchen- oder sonstige Einschränkung. Das Ziel: mit möglichst breiter Streuung das bestmögliche Risiko-Rendite-Verhältnis erreichen. Nischen-ETFs – wozu aus reiner Risikoperspektive auch nachhaltige ETFs zählen, weil sie einen kleineren, spezifischeren Ausschnitt des Marktes abbilden – tragen laut Kommer tendenziell ein höheres Risiko, weil sie stärker schwanken, wenn genau dieser Ausschnitt aus irgendeinem Grund einbricht.
Ich wollte damals, gerade weil ich anfangs nur kleine Beträge investiert habe, meine Strategie bewusst einfach halten und nicht zu viele Faktoren gleichzeitig abwägen – sonst überlegt man ewig und tut am Ende gar nichts. Ich habe mich für eine Strategie entschieden und bin konsequent dabeigeblieben, seit über sieben Jahren, ohne nachzujustieren. Das könnte ich jederzeit ändern, muss ich aber nicht.
Was ich stattdessen mache: Ich investiere zwar in den breiten Weltmarkt, engagiere mich aber auf anderen Wegen für Nachhaltigkeit – durch Spenden an entsprechende Initiativen, durch meinen sehr sparsamen und bewussten Lebensstil (Unverpackt-Läden, Wasser- und Stromsparen, Reparieren statt Neukaufen, selbst nähen), durch meine vegane Ernährung, seit zehn Jahren keine neue Kleidung mehr und seit Jahren kein Fliegen mehr – stattdessen, wo möglich, Bahn. Ich bin überzeugt, dass mein persönlicher ökologischer Fußabdruck dadurch besser ist als der der meisten Menschen, unabhängig davon, wie mein Depot aussieht.
Ein Gedanke, der mich zusätzlich überzeugt
Viele, die konsequent auf nachhaltige ETFs setzen, tun das – nachvollziehbarerweise – auch, weil es sich falsch anfühlt, das eigene Geld in große, umweltschädliche Konzerne zu stecken. Das kann ich total nachvollziehen. Das Problem: Auch in nachhaltigen ETFs stecken teils Unternehmen, die nur teilweise „grün“ sind – manche haben einzelne nachhaltige Geschäftsbereiche, während der Großteil ihres Portfolios weiterhin klassisch, teils umweltbelastend aufgestellt ist, aber trotzdem für den ETF qualifizieren. Wer das konsequent zu Ende denkt, investiert am Ende vielleicht gar nicht mehr an der Börse – weder in Welt-ETFs noch in grüne ETFs. Und genau das nützt niemandem: Die großen Unternehmen werden davon nicht ärmer, du hast aber auch kein Kapital aufgebaut, mit dem du später etwas bewirken könntest.
Deshalb ist mein persönlicher Weg: erst Vermögen aufbauen, mit der bestmöglichen Rendite bei überschaubarem Risiko – und die Erträge daraus gezielt für das einsetzen, was mir wichtig ist. Ob das der beste Weg ist, lässt sich diskutieren, und ich justiere meine eigene Strategie vielleicht auch nochmal nach. Aktuell bin ich damit im Reinen.
Die Alternative: gezielt einzelne Aktien
Wer ganz bewusst bestimmte Unternehmen unterstützen möchte, kann natürlich auch gezielt einzelne Aktien kaufen, statt sich auf ETFs zu verlassen. Das bringt aber eigene Nachteile mit sich: höhere Kaufgebühren bei kleineren, regelmäßigen Beträgen, die einen Großteil der Rendite auffressen können, und ein deutlich höheres Risiko, weil dein Geld auf sehr wenige Unternehmen konzentriert ist. Geht eines davon in eine finanzielle Schieflage, trifft dich das ungleich härter als bei einem breit gestreuten ETF. Das kann trotzdem die richtige Entscheidung sein – wenn es dir nicht in erster Linie um maximale Rendite geht, sondern darum, eine bestimmte Firma bewusst zu unterstützen, auch wenn der Kurs mal sinkt. Ich persönlich trenne aber bewusst zwischen „Unterstützung zeigen“ und „Rendite erzielen“ – und verfolge beide Ziele auf unterschiedlichen Wegen.
Jede dieser Entscheidungen hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, und es gibt hier kein pauschal „Richtig“ oder „Falsch“ – nur das, was zu deinen eigenen Prioritäten passt.
Wichtiger Hinweis
Ich bin keine Finanz- oder Anlageberaterin. Dieser Artikel beschreibt allgemeine Informationen zu nachhaltigen ETFs sowie meine persönliche Erfahrung und Einschätzung, keine Anlageempfehlung.
